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Lidia Głuchowska
Stanislaw Kubicki. Kunst und Theorie
Kubicki zwischen Deutschland und Polen
Stanislaw Kubicki - Maler, Graphiker, Dichter, Philosoph, Übersetzer und
Publizist - gehört zu den bedeutenden Vertretern der polnischen und
deutschen modernen Kunst und Literatur. Er gilt als der wichtigste Vertreter
des Expressionismus sowie als der erste konsequent abstrakte Maler in der
polnischen Kunst. Als der Begabteste aus der 1918 in Posen gegründeten
Gruppe BUNT trat als deren spiritus rector auf und wurde ihr führender
Ideologe, weil er, was das theoretische Bewußtsein und auch den
stilistischen Fortschritt betrifft, ohne Zweifel in der Gruppe das
ausgeprägteste Profil besaß. Statt nun aber die Attribute, mit denen die
Kunsthistoriker Kubicki charakterisieren, erneut aufzuzählen, empfiehlt es
sich vielmehr, die in der Fachliteratur bislang nicht berücksichtigten
Erinnerungen anzuführen. Der bekannte polnische Weltreisende und
Schriftsteller Arkady Fiedler schrieb 1973: Eine der Säulen des Zdrój und
seiner Boheme war Stanislaw Kubicki, hochtalentiert als Dichter und
Grafiker, ein wahrer Humanist, Mensch-Christus, den man [wie Salbe L. G.]
auf Wunden legen konnte. Etwas anders Tadeusz Kraszewski im gleichen
Jahr: Wenn man im soliden, bürgerlich gefestigten Posen künstlerische
Bohemiens sucht, die die Atmosphäre der Satten Selbstzufriedenheit [der
Gesellschaft L. G.] zerstören wollten, dann sollte Kuba die erste Stelle
unter ihnen einnehmen. (...) Es wäre wertvoll, sich mit der Erscheinung
dieses Künstlers genauer zu beschäftigen, eines typischen Bohemien von
großer Intelligenz, ausgestattet mit einem allseitigen Interesse und einem
riesigen Wissen über die Kunst. Sowohl sein künstlerisches Werk als auch die
Schicksalsschläge, insbesondere gegen Ende seines Lebens (...), erfordern
eine gründliche Untersuchung und umfassende Erörterung. Seit diesen
Sätzen ist nun ein Vierteljahrhundert vergangen, ohne daß die Aufforderung
des Autors erfüllt worden wäre. So gibt es über Stanislaw Kubicki bis heute
keine Monographie, auch wenn seine Rolle in der polnischen Avantgarde und
bei der Gestaltung der abstrakten Kunst in wissenschaftlichen Beiträgen
wiederholt hervorgehoben wurde. Auch in Lexika und in den Listen der
Verluste polnischer Kultur wurde Kubicki erwähnt und seine Stellung in den
Künstlergruppen BUNT und JUNG IDYSZ eingehend gewürdigt. Dennoch sind die
Informationen über sein Wirken lückenhaft, verstreut und nicht immer
fehlerfrei, was Datierungen und Zuordnungen seiner Werke betrifft. In
den meisten polnischen Arbeiten wurde nur das frühe, mit der Posener
expressionistischen Zeitschrift ZDRÓJ (1917-1922) verbundene Werk
besprochen. Manche Texte sind zudem durch die political correcness ihrer
Zeit geprägt und mit ideologischen Interpretationen überfrachtet Für
die Erforschung des bildnerischen Werkes Kubickis sind vor allem die
Arbeiten Jerzy Malinowskis wichtig. Er hob Kubickis Einfluß auf die Künstler
der polnischen und jüdischen Avantgarde hervor, und erinnerte auch an seine
Rolle als Mitbegründer der Künstlergemeinschaften DIE KOMMUNE und der
RHEINISCHEN PROGRESSIVEN zudem veröffentlichte er auch eine erste
umfangreichere Charakteristik seines Werkes mit einer Auswahl von
Schwarzweißreproduktionen. Erst in letzter Zeit erschienen Publikationen zur
Position Kubickis unter denjenigen Vertretern der polnischen Avantgarde, die
nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland tätig waren. In neuester Zeit ist
auch Kubickis Rolle in der "prometheischen" Formation der radikalen, auf
Reform drängenden Künstler Polens gewürdigt worden. Angesicht der
vielen Superlative, mit denen Kubicki von Seiten polnischer und deutscher
Kunst- und Literaturwissenschaftler bedacht wurde, verwundert es, daß bisher
kein Werkverzeichnis seiner Arbeiten erschienen ist. In Polen vermitteln nur
einige Schwarzweißreproduktionen von mäßiger Qualität - in zudem schwer
zugänglichen Büchern und Ausstellungskatalogen mit niedrigen Auflagen - eine
gewisse Vorstellung von diesem Oeuvre. Farbige Abbildungen sind dagegen nur
in deutschen und englischen Publikationen enthalten. In keinem polnischen
Museum werden Bilder von Kubicki in Dauerausstellung gezeigt, und die
meisten nach dem zweiten Weltkrieg noch erhaltenen Werke befinden sich in
deutschen Museen und überwiegend in Privatbesitz. Infolgedessen ist der
Künstler als Maler nur einem engen Kreis von Fachleuten bekannt. Etwas
bekannter ist er hingegen als Graphiker der Gruppe BUNT. Sein Turm zu Babel
wurde zur Visitenkarte des polnischen Expressionismus, und das wohl auch,
weil dieser Linolschnitt die Plakate zweier wichtiger Ausstellungen der
polnischen Expressionisten 1918 in Posen und 1980 in Breslau schmückte.
In Deutschland fand Kubicki Anerkennung als Künstler der
international aktiven Gruppe der PROGRESSIVEN in Berlin und im Rheinland. Es
ist hervorgehoben worden, daß er und seine Frau Margarete Kontakte zwischen
der Künstlergruppe BUNT und der deutschen Avantgarde, insbesondere zur
Zeitschrift DIE AKTION und deren Galerie herstellten. Man hat auch auf die
Beziehung Kubickis zur UNION FORTSCHRITTLICHER INTERNATIONALER KÜNSTLER
hingewiesen.1978 wurde in Deutschland Kubickis Gedichtband Poezje neu
verlegt und eingehend besprochen, dessen Auflage 1939 durch
Kriegseinwirkungen fast völlig vernichtet worden war. Zusammen mit seiner
Frau wurde Kubicki auch in der modernen feministischen Forschung mehrfach
erwähnt, in Polen blieben diese Beiträge aber völlig unberücksichtigt.
Kubicki lebte und wirkte überwiegend in Deutschland, wo er auch in der
berühmtesten Galerie der Avantgarde, in Herwarth Waldens STURM, ausstellte.
Den Tod hat aber dann in Polen gefunden.
Unvoreingenommen
betrachtet ist sein Werk gemeinsamer Bestandteil der polnischen und der
deutschen Kultur, doch der jahrzehntelange Ost-West-Konflikt erlaubte keine
Würdigung dieses kulturellen Grenzgängers, der er aus europäischer Gesinnung
war. Die erneute Auseinandersetzung mit dem Wirken von Kubicki hat
allerdings in den meinungsbildenden Kreisen der Kunsthistoriker und bei den
Kunstliebhabern noch nicht den verdienten Niederschlag gefunden. Bekannter
als seine Bilder sind in Polen seine literarischen und programmatischen
Schriften, die in den literaturwissenschaftlichen Texten seit den Dreißiger
Jahren des 20. Jahrhunderts - zuweilen unter Berücksichtigung ihres
avantgardistischen Charakters - kommentiert worden sind. In vergleichenden
Betrachtungen des polnischen und deutschen Expressionismus sind einige
seiner Werke und seine in der Sondernummer von die AKTION erschienenen
Übersetzungen aus dem Polnischen besprochen. Aus dem Leben Kubickis ist
bis heute vieles weitgehend unbekannt geblieben, so sein Engagement für
patriotische polnische Kreise vor dem Ersten Weltkrieg, in seiner Zeit als
Schüler in Deutschland, so auch seine naturwissenschaftliche, philosophische
und künstlerische Studienzeit in Berlin oder seine Militärdienstzeit in
Schömberg (heute Chelmsk), wo er nach seiner Verwundung die künstlerische
Tätigkeit wieder aufnehmen konnte und wo seine erste intensive schöpferische
Phase begann.
Wichtig für eine umfassende Charakterisierung
Kubickis ist auch die fast unbekannte Episode seiner Zusammenarbeit mit dem
Berliner Freund, dem Künstler Raoul Hausmann bei photographischen
Experimenten sowie bei Aufnahmen von Unkräutern im Sinne der kosmologischen
Konzeption Kubickis. Mehr Aufmerksamkeit als bisher verdient ferner seine
Tätigkeit im Posen und Großpolen zwischen 1934 und 1939. In diese Zeit fällt
auch Entwurf und Errichtung eines Denkmals für Marschall Pilsudski im Park
des Schlosses von Kobylepole durch Kubicki sowie das Engagement des
Künstlers für das Posener Theater der Jugend und seine Tätigkeit im dortigen
Rundfunk. Sehr lückenhaft sind schließlich auch die Informationen über
Kubickis Aufenthalt in Warschau und seine Tätigkeit in der polnischen
Widerstandsbewegung zwischen 1939 und 1942 sowie die näheren Umstände seiner
Hinrichtung durch die Gestapo.
In der vorliegenden Monographie
wird Kubickis Leben geschildert, sein bildnerisches Werk besprochen und auf
seine programmatischen und theoretischen Texte und Äußerungen zur Kunst
eingegangen. Zudem wird der Versuch unternommen, das Forschungsfeld näher zu
sichten, zumal sich infolge des erschwerten Informationsaustausches zwischen
Deutschland und Polen in den früheren Jahrzehnten etliche zählebige Irrtümer
in die Publikationen eingeschlichen haben. Das Quellenmaterial besteht aus
Katalogen der Vor- und Nachkriegszeit, kunsthistorischen Betrachtungen,
Artikeln, Memoiren von Zeitgenossen, sowie Korrespondenzen und bislang
unveröffentlichten Dokumenten aus Privatbesitz. In der Biographie
werden alle wesentlichen Phasen seines künstlerischen und politischen
Wirkens berücksichtigt, so die Jahre des Berliner Studiums (1911-1914), des
Militärdienstes und der Gestaltung der ersten graphischen Arbeiten zwischen
1914 und 1917), der Kontakte zu den künstlerischen Kreisen in Posen
(1917-1919), Lódê (etwa 1920-1922), Berlin (1918-1934) und Köln (1928-1933),
sowie die Mitgliedschaften in den Künstlergruppen BUNT (1918-1922), DIE
KOMMUNE (1922) und der RHEINISCHEN PROGRESSIVEN (1928-1933). Besonderes
Augenmerk wird dabei der künstlerischen Tätigkeit Kubickis zwischen 1934 und
1943 in Polen, und vor allem den bisher der Aufmerksamkeit mehr oder weniger
entgangenen Episoden geschenkt. Das künstlerische Werk Kubickis ist
weit umfangreicher und interessanter, als durch die bisher bekannten
Veröffentlichungen angedeutet wird, die letztlich nur eine kleinen Auswahl
aus dem noch erhaltenen Oeuvre von etwa 360 Arbeiten betreffen. Es werden
die frühen - noch aus der Kunstschulzeit stammenden -
postimpressionistischen Arbeiten, die einen gewissen Einfluß von Gauguin und
van Gogh zeigen (1911-1913), dann die expressionistischen und
(kubo)-konstruktivistischen Werke zwischen 1913 und 1918, die
abstrahierenden Tendenzen zwischen 1918 und 1922 sowie der ausgereifte
konstruktivistische Stil bis 1933 und abschließend das Denkmal für Pilsudski
1935-1937 in Kobylepole besprochen. Ferner werden die polnisch- und
deutschsprachigen Äußerungen Kubickis systematisch zusammengestellt und
gewürdigt. Es geht um Publikationen aus dem ZDRÓJ zwischen 1917 und 1922,
aus DIE AKTION (1918/19), DER STURM (1920), DER WEG (1920), DIE BÜCHERKISTE
(1920) und "a bis z" zwischen 1928 und 1933, sowie aus dem HORIZONT nach
1945, außerdem um die vom Künstler unterzeichneten Manifeste der KOMMUNE
(1922) und erhaltengebliebene Manuskripte kunstphilosophischer Essays.
Bei der Auseinandersetzung mit dem Leben und dem Werk Kubickis wird
der Verflechtung von bildender Kunst und der Literatur in seinem Werk
besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Schließlich wird die Rolle Kubickis in
der Avantgarde sowohl in Deutschland als auch in Polen und sein Beitrag zur
Moderne in Kunst und Kunsttheorie rekapituliert. Der Überblick wird durch
eine Chronologische Übersicht und eine Liste der Ausstellungen Kubickis
sowie Photographien ergänzt.
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