| Ewa Maria Slaska
Editorial. Privat 1982 habe ich ein Buch geschrieben. Ich schrieb es, um - ähnlich vielen, die damals geschrieben haben - ein Zeugnis unserer Zeit abzulegen. Ich denke, daß wir uns damals beim Schreiben nicht die Frage stellten: warum tue ich das? Wichtig war nur: wofür tue ich es? In einem Artikel zum Gedenken an Andrzej Kusniewicz, schrieb 1993 Jerzy Jarzebski: "Kusniewicz versuchte in seinem Gesamtwerk - wie es scheint - eine gewisse Alternative zum Patriotismus des XIX. Jahrhunderts zu schaffen. Man kann - scheint er zu sagen - ein wertvoller Mensch bleiben, ohne der aufgezwungenen Macht entgegenzutreten. Man kann diese Macht als ein historisches Muß akzeptierten und sich ironisch von ihrer Dummheit, oder sogar vom Unrecht distanzieren. Wichtig sind nämlich andere Dinge, und der Mensch soll vor allem einen souveränen Staat für die eigene Person organisieren. (...) Das gesamte galizische Motiv bei Kusniewicz hat das Ziel, eine Idee zur verteidigen, nämlich die für den galizischen Landadel typische Loyalität, den Abstand, die Ethik der Unentschlossenen - all das schuf eine gewisse Menschheit, eine ruhige Toleranz für etwas anderes..." Stehe ich hier für Loyalität statt Kampf? Nein, dies doch nicht. Aber garantiert stehe ich für das Recht des Lebens, des einfache Alltagslebens einfacher Menschen, die doch auch Anspruch darauf haben, ehrlich zu handeln. Die sogenannten "echten Polen" regen sich sofort auf, und die Haare auf dem Kopf stehen ihnen zu Berge vor lauter Furcht. Können wir uns noch an den Aufschrei der Empörung bei der Lektüre des Tagebuchs des Warschauer Aufstands von Miron Bialoszewski erinnern? Dort kämpfen unsere Leute (also: wir), und er, so ein Narr, sorgt sich um irgendwelche Brotrinden. Der Krieg ist ein Kampf. Im Krieg existiert nicht, was Leben ist. Und später, nach dem Krieg? Sich dem Kommunismus unterwerfen, sich verkaufen, kollaborieren - niemals! Eher sich umbringen lassen... Wir Polen... niemals... immer... unerschütterlich...
Laß uns jedoch der Wahrheit - oder uns selber - in die Augen blicken. Uns, unserem eigenen Leben. Uns, die wir in Polen leben sollten. Wir haben Schulen und Studien "im Kommunismus" abgeschlossen, wir lebten und liebten "im Kommunismus", wir schrieben, schufteten, hatten Debüts und gaben unsere Bücher heraus "im Kommunismus". Die kompromißlosen Emigranten rechneten mit uns ab, jeweils nach dem Grad unseres Verrats, sie schrieben uns Zeugnisse und Glückwunschkarten oder stellten uns an den Pranger. Man konnte ein Plus, oder ein Minus ernten, Punkte, oder Buchstaben, Alpha, Beta. Und wir erlaubten es ihnen brav, uns zu verurteilen, weil der romantische Geist und die Idee, daß es "echte Polen" gibt, uns glauben ließen, daß wir alle... wirklich... seelentief... in den Tiefen unseres Ichs doch immer dagegen sind, daß wir leben und nein nein, und nochmals nein sagen. Und mittlerweile lebten wir einfach unser Leben, ein Leben, das schöpferisch sein wollte - so wir wirklich Schöpfer waren. Nicht immer bewußt, nicht völlig wach, eher nach der gewissen inneren Ethik eines aufrechten Menschen denn eines wahrhaftigen Polen, gingen wir durch das Leben, vertieft in die einzige wirkliche Aufgabe eines jeden Schöpfers - sich einen wirklich souveränen Staat für die eigene Person zu schaffen...
Nach diesem Maß verurteilten wir nicht nur "die Feinde und die Freunde" wie es Ryszard Krinicki in seinem Gedicht Korowód formulierte, sondern auch Nachbarn, Alliierte, Bekannte. Das heißt, auch diejenigen aus der ehemaligen DDR. Wir hatten nichts, aber auch gar nichts über sie zu sagen. Große Lehrer, Dichter des Widerstandes der erniedrigten Völker gegen die Hegemonie aus dem Osten, vergaßen fortwährend, daß am 17. Juni 1953 die Bewohner Ost-Berlins gegen die Sowjets aufgestanden waren. Und daß gerade sie die ersten waren, und nicht die Ungarn, und später wir Polen. Die DDR existierte nicht, das konnte man in jeder staatlichen oder privaten Bücherei feststellen. Selbst in den Bruderschafts-Träumen tummelten sich nur die Tschechen und Ungarn. Die DDR existierte nicht. Das meiste über die Kultur und den Untergrund der DDR war Leszek Szaruga aus dem Puls bekannt, aber auch er kannte ihn als ein kleines Randphänomen, nicht vergleichbar mit dem riesigem Ausmaß des übergreifenden polnischen NEIN, weil unsere Welt sich in die Welt des Widerstands und des Verrats teilte.
Es vergingen 10, 15, 20 Jahre. Die Zeiten änderten sich. Mindestens vier Schöpferkategorien gibt es: die Jungen, die Zyniker, die emanzipierten Frauen und die Einsamen kamen zu Wort und sie sagten uns dann, was sie von uns hielten. Feministische Schriftstellerinnen spotteten über die Edelfräulein, über salbungvolle Versenkung und Verneigung (das sind Zitate), Mutter-Polin auf dem Denkmal des ungeborenes Kindes. Postmoderne Zyniker waren imstande sich von dem Land loszusagen, in dem der Vorsitzende des Institutes für Christliche Philosophie in einer christlichen Zeitschrift die Würde der Todesstrafe rechtfertigte. Die junge Literatengeneration wie Jaroslaw Jordan und seine Gleichaltrigen verachtet sowieso unsere frustierten Diskussionen über die Treue, und beschäftigt sich mit ihrer eigenen Werte-Hierarchie, in der Sex, Körper, Karriere ihren Platz finden. Sie haben Lust, selbständig zu leben, ohne den polnischen Vampir (schon wieder ein Zitat) von Heimatland und Pflicht. Schließlich die Einsamen: Sie sind in keine Formel zu pressenen, aber auch sie, jeder für sich, schufen deutlich einen neuen Trend, sie organisierten sich eigentlich einen souveränen Staat für ihre eigene Person. Sie verwarfen die ganze Kategorie der klassifizierenden Worte, die unter den beiden großen moralischen Quantifikatoren: Treue und Verrat standen, brauchen sich nicht um Loyalität, Kollaboration, Zusammenarbeit, Kampf, Treue der Idee zu kümmern... Sie schreiben über das Leben, so wie es ist und wie es war. Der Kriegszustand, die ZOMO-Truppen, die Partei-Apparatschiks und die auf Styropor schlafenden Streikenden wurden normale Elemente des Lebens, wie Regen, Sturm oder Wind. Wir müssen nicht unbedingt den November-Regen mögen, aber es gibt ihn. Wir müssen nicht die dunklen Dezembertage mögen, aber wir müssen sie überstehen. Und unser Leben, sagt Stefan Gieysztor, läuft sowieso mit kleinen, unbemerkten Schritten irgendwo am Rande dessen, was irgendwann höchstens eine Seite im Geschichtsbuch sein wird. Die dritte "WIR"-Nummer widmen wir der unabhängigen Literatur der VRP und der DDR. Heutzutage fliehen Schriftsteller die Ideologie, wandern selbwärts, in eigenlebige souveräne Räume. Die Kunst - wie Tadeusz Konwicki es richtig ausdrückte - muß keine politischen Pflichten mehr erfüllen. Die von uns - als winziger Bruchteil ihrer ungeheuren Vielfalt - vorgestellte unabhängige Literatur über die Zeit der VRP interessiert uns dort, wo der Schriftsteller eine heldenferne Wirklichkeit darstellt, hingegen wird die DDR - das ehemalige, unbekannte, unterschätzte und ins Nichtsein verabschiedete Land - zu einem höchste Aufmerksamkeit verdienenden Phänomen. |