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Ewa Maria Slaska
Editorial. Privat


1982 habe ich ein Buch geschrieben. Ich schrieb es, um - ähnlich vielen, die damals geschrieben haben - ein Zeugnis unserer Zeit abzulegen. Ich denke, daß wir uns damals beim Schreiben nicht die Frage stellten: warum tue ich das? Wichtig war nur: wofür tue ich es?
In meinem Fall nahm das "Zeugnis" die Form eines 300-seitigen Manuskriptes an. Nach einjähriger Arbeit gab ich es zum Lektorieren einem Mitglied des Kommitees für Unabhängige Kultur. Fast ein Jahr verging. Das Manuskript kam mit folgenden Bemerkungen zurück: "Der Polizist ist zu gut, der Text zu lang und zu langweilig; zu viele Randbemerkungen".
Den menschlichen Polizisten verwandelte ich in einen Polizisten ohne Eigenschaften (obwohl er, und auch ich, weit von Musil entfernt waren), die Randbemerkungen habe ich herausgenommen und verbrannt (buchstäblich, denn es waren doch Zeiten voller Symbolik). Das Buch war danach wie vom Erdboden verschluckt und tauchte erst nach einer Weile wieder aus der Nichtexistenz im grauen Buchumschlag der Pariser Kultur auf. Das Buch hatte den Titel "Die Ermittlung". Ich bin eine "Kultur-Schriftstellerin" geworden, und ich war stolz darauf. Da ich inzwischen aus Polen emigriert war, profitierte ich dadurch vielfach: politisches Asyl in Deutschland (wie ich vermute) oder (gelegentlich) die Zusammenarbeit mit dem Radio Free Europe, usw. kamen mir zugute.
Ich hatte also "ein Buch im gesellschaftlichen Auftrag" geschrieben; ein Werk, das überaus gerecht und moralisch makelos war, und jetzt konnte ich die Früchte ernten. Nach einer Weile wurde mir allerdings klar, daß ich das Buch nicht mochte, daß mich etwas darin abstieß, bis ich schließlich einen Zustand des Ekels erreichte. Immer stärker spürte ich eine Last, sogar Scham darüber, daß ich ein Buch auf Bestellung, einen "Auftragsroman" geschrieben hatte. Die Randbemerkungen, die ich weggeworfen und verbrannt hatte, in denen sich mein wahres Ich als Person, als Frau, als Mensch verborgen hatte, und nicht das Ich einer Untergrund-aktivistin, die sich als Schriftstellerin auf die richtige Seite geschlagen hatte - diese Randbemerkungen kamen zu mir zurück, wie Gewissensbisse. Und mit ihnen das menschliche Gesicht, das ich "meinem" Polizisten weggenommen hatte. Während ich geschrieben hatte, war ich mir selber treu gewesen und hatte Zeugnis über meine Erfahrungen und Gedanken abgelegt. Ein Polizist hatte also ein Gesicht gekriegt, weil es gerade so in den Rahmen des Romans und zu meiner Weltinterpretation paßte. Er hatte ein menschliches Gesicht bekommen, nicht weil ich dem Kommunismus ein menschliches Gesicht geben wollte, und nicht, damit ich auf groteske Weise mit Gombrowiczs "Grimasse" abrechnen konnte. Beim Schreiben war es mir nämlich nicht wichtig, wie unmenschlich die Repräsentanten der Macht waren, sondern die Macht als Begriff war wichtig, die Macht als Schwert, das über dem Leben einfacher Menschen als eine latente, obwohl nie völlig bekannte Bedrohung schwebte. Die Penetranz der Macht, die sich in jede Einzelheit unserer Existenz hineindrängte und ihr auf diese Weise jegliche Privatsphäre entzog. Ich beschuldige niemanden. Ich habe selber mein Buch verkürzt, "kastriert" und ideologisch "verbessert". Ich tat es, fest überzeugt von meinem moralischen Recht. Ich verkaufte mich an eine Ideologie und gab ein Buch heraus. Laut Christian Skrzyposzek taten es alle Schriftsteller im sogenannten Untergrund-Polen.

In einem Artikel zum Gedenken an Andrzej Kusniewicz, schrieb 1993 Jerzy Jarzebski: "Kusniewicz versuchte in seinem Gesamtwerk - wie es scheint - eine gewisse Alternative zum Patriotismus des XIX. Jahrhunderts zu schaffen. Man kann - scheint er zu sagen - ein wertvoller Mensch bleiben, ohne der aufgezwungenen Macht entgegenzutreten. Man kann diese Macht als ein historisches Muß akzeptierten und sich ironisch von ihrer Dummheit, oder sogar vom Unrecht distanzieren. Wichtig sind nämlich andere Dinge, und der Mensch soll vor allem einen souveränen Staat für die eigene Person organisieren. (...) Das gesamte galizische Motiv bei Kusniewicz hat das Ziel, eine Idee zur verteidigen, nämlich die für den galizischen Landadel typische Loyalität, den Abstand, die Ethik der Unentschlossenen - all das schuf eine gewisse Menschheit, eine ruhige Toleranz für etwas anderes..." Stehe ich hier für Loyalität statt Kampf? Nein, dies doch nicht. Aber garantiert stehe ich für das Recht des Lebens, des einfache Alltagslebens einfacher Menschen, die doch auch Anspruch darauf haben, ehrlich zu handeln. Die sogenannten "echten Polen" regen sich sofort auf, und die Haare auf dem Kopf stehen ihnen zu Berge vor lauter Furcht. Können wir uns noch an den Aufschrei der Empörung bei der Lektüre des Tagebuchs des Warschauer Aufstands von Miron Bialoszewski erinnern? Dort kämpfen unsere Leute (also: wir), und er, so ein Narr, sorgt sich um irgendwelche Brotrinden. Der Krieg ist ein Kampf. Im Krieg existiert nicht, was Leben ist. Und später, nach dem Krieg? Sich dem Kommunismus unterwerfen, sich verkaufen, kollaborieren - niemals! Eher sich umbringen lassen... Wir Polen... niemals... immer... unerschütterlich...

Laß uns jedoch der Wahrheit - oder uns selber - in die Augen blicken. Uns, unserem eigenen Leben. Uns, die wir in Polen leben sollten. Wir haben Schulen und Studien "im Kommunismus" abgeschlossen, wir lebten und liebten "im Kommunismus", wir schrieben, schufteten, hatten Debüts und gaben unsere Bücher heraus "im Kommunismus". Die kompromißlosen Emigranten rechneten mit uns ab, jeweils nach dem Grad unseres Verrats, sie schrieben uns Zeugnisse und Glückwunschkarten oder stellten uns an den Pranger. Man konnte ein Plus, oder ein Minus ernten, Punkte, oder Buchstaben, Alpha, Beta. Und wir erlaubten es ihnen brav, uns zu verurteilen, weil der romantische Geist und die Idee, daß es "echte Polen" gibt, uns glauben ließen, daß wir alle... wirklich... seelentief... in den Tiefen unseres Ichs doch immer dagegen sind, daß wir leben und nein nein, und nochmals nein sagen. Und mittlerweile lebten wir einfach unser Leben, ein Leben, das schöpferisch sein wollte - so wir wirklich Schöpfer waren. Nicht immer bewußt, nicht völlig wach, eher nach der gewissen inneren Ethik eines aufrechten Menschen denn eines wahrhaftigen Polen, gingen wir durch das Leben, vertieft in die einzige wirkliche Aufgabe eines jeden Schöpfers - sich einen wirklich souveränen Staat für die eigene Person zu schaffen...
Manche schufen ihren persönlichen Staat innerhalb des Systems, andere - gegen das System; manche kehrten nach einer Weile zurück auf den rechten Weg und bekannten öffentlich ihre Fehler und die Lügen aus der Zeit, als sie sich an den Kommunismus verkauft hatten. Aber viele haben ihnen nicht verziehen, viele, die klein und groß waren im Kampf um die Exklusivität ihres Widerstandes und ihrer Einzigartigkeit auf das Recht zum Widerstand.
Alle zehn, fünfzehn Jahre kommen neue Richter, die uns an dem Pranger stellen und mit unseren Schulden abrechnen. Milosz, Gombrowicz und Milosz, Herbert und Milosz, Zagajewski, Kornhauser, Huelle. Die polnische Welt als Diskussion über die Prinzipien des Verrates und der Treue ist eine zweidimensionale Welt, die in Europa komisch, rührend altmodisch und provinziell wirkt. Die Treue? "Ihr seid alle flache Spielkarten" ruft Alice im Wunderland der schrecklichen Königin zu, der machtbesessenen Herrscherin über Seelen und Köpfe, mächtig genug, ihre Hinrichtung zu befehlen... "Köpft ihn!" schreit Gombro über Milosz, "köpft ihn!" fordert Milosz über Andrzejewski, "köpft ihn!" ruft Herbert über Milosz... Kopfabschneiden bedeutete Romantik und Treue zu sich selbst. Aber das war nur die Treue gegenüber einer Ideologie. Schwierig - das ist wahr - moralisch absolut richtig, verpflichtend für jeden redlichen Menschen; das ist aber nur die Treue zu einer Idee, nicht zu sich selbst. Mit der Zeit gab es Schwierigkeiten mit der Idee - sie verhärtete, versteinerte, vergammelte. Ein falscher, kirchlicher Gott-und-Heimat-Brei. Ist die Treue des Schriftstellers zur Ideologie noch immer das Maß für das polnische Dasein?

Nach diesem Maß verurteilten wir nicht nur "die Feinde und die Freunde" wie es Ryszard Krinicki in seinem Gedicht Korowód formulierte, sondern auch Nachbarn, Alliierte, Bekannte. Das heißt, auch diejenigen aus der ehemaligen DDR. Wir hatten nichts, aber auch gar nichts über sie zu sagen. Große Lehrer, Dichter des Widerstandes der erniedrigten Völker gegen die Hegemonie aus dem Osten, vergaßen fortwährend, daß am 17. Juni 1953 die Bewohner Ost-Berlins gegen die Sowjets aufgestanden waren. Und daß gerade sie die ersten waren, und nicht die Ungarn, und später wir Polen. Die DDR existierte nicht, das konnte man in jeder staatlichen oder privaten Bücherei feststellen. Selbst in den Bruderschafts-Träumen tummelten sich nur die Tschechen und Ungarn. Die DDR existierte nicht. Das meiste über die Kultur und den Untergrund der DDR war Leszek Szaruga aus dem Puls bekannt, aber auch er kannte ihn als ein kleines Randphänomen, nicht vergleichbar mit dem riesigem Ausmaß des übergreifenden polnischen NEIN, weil unsere Welt sich in die Welt des Widerstands und des Verrats teilte.

Es vergingen 10, 15, 20 Jahre. Die Zeiten änderten sich. Mindestens vier Schöpferkategorien gibt es: die Jungen, die Zyniker, die emanzipierten Frauen und die Einsamen kamen zu Wort und sie sagten uns dann, was sie von uns hielten. Feministische Schriftstellerinnen spotteten über die Edelfräulein, über salbungvolle Versenkung und Verneigung (das sind Zitate), Mutter-Polin auf dem Denkmal des ungeborenes Kindes. Postmoderne Zyniker waren imstande sich von dem Land loszusagen, in dem der Vorsitzende des Institutes für Christliche Philosophie in einer christlichen Zeitschrift die Würde der Todesstrafe rechtfertigte. Die junge Literatengeneration wie Jaroslaw Jordan und seine Gleichaltrigen verachtet sowieso unsere frustierten Diskussionen über die Treue, und beschäftigt sich mit ihrer eigenen Werte-Hierarchie, in der Sex, Körper, Karriere ihren Platz finden. Sie haben Lust, selbständig zu leben, ohne den polnischen Vampir (schon wieder ein Zitat) von Heimatland und Pflicht. Schließlich die Einsamen: Sie sind in keine Formel zu pressenen, aber auch sie, jeder für sich, schufen deutlich einen neuen Trend, sie organisierten sich eigentlich einen souveränen Staat für ihre eigene Person. Sie verwarfen die ganze Kategorie der klassifizierenden Worte, die unter den beiden großen moralischen Quantifikatoren: Treue und Verrat standen, brauchen sich nicht um Loyalität, Kollaboration, Zusammenarbeit, Kampf, Treue der Idee zu kümmern... Sie schreiben über das Leben, so wie es ist und wie es war. Der Kriegszustand, die ZOMO-Truppen, die Partei-Apparatschiks und die auf Styropor schlafenden Streikenden wurden normale Elemente des Lebens, wie Regen, Sturm oder Wind. Wir müssen nicht unbedingt den November-Regen mögen, aber es gibt ihn. Wir müssen nicht die dunklen Dezembertage mögen, aber wir müssen sie überstehen. Und unser Leben, sagt Stefan Gieysztor, läuft sowieso mit kleinen, unbemerkten Schritten irgendwo am Rande dessen, was irgendwann höchstens eine Seite im Geschichtsbuch sein wird.

Die dritte "WIR"-Nummer widmen wir der unabhängigen Literatur der VRP und der DDR. Heutzutage fliehen Schriftsteller die Ideologie, wandern selbwärts, in eigenlebige souveräne Räume. Die Kunst - wie Tadeusz Konwicki es richtig ausdrückte - muß keine politischen Pflichten mehr erfüllen. Die von uns - als winziger Bruchteil ihrer ungeheuren Vielfalt - vorgestellte unabhängige Literatur über die Zeit der VRP interessiert uns dort, wo der Schriftsteller eine heldenferne Wirklichkeit darstellt, hingegen wird die DDR - das ehemalige, unbekannte, unterschätzte und ins Nichtsein verabschiedete Land - zu einem höchste Aufmerksamkeit verdienenden Phänomen.