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Wie gegensätzlich die Erfahrungen einer deutschen Minderheit sein können, zeigen die ergreifenden Biographien der zwei deutschstämmigen Schriftstellerinnen Renata Schumann und Britta Wuttke: Renata Schumann wurde kurz vor dem Zweiten Weltkrieg in Oberschlesien geboren. Ihre Eltern wurden 1945 von polnischen Soldaten ermordet. Nach Jahrzehnten des Kampfes um das Recht, in Polen eine Deutsche zu sein, lebt sie seit 1983 in Deutschland. Ihre anfängliche Ablehnung der polnischen Kultur, ist heute in beständige Versuche übergangen, sich zwischen dem Deutschen und dem Polnischen zurechtzufinden. Ihre Prosa ist voller tragische Empfindungen. Einsamkeit, Qual, Verbitterung. Ihre Urteile sind schmerzhaft; sie resultieren aus der Tragik ihres persönlichen Schicksals und der erzwungenen Sprachlosigkeit ihrer oberschlesieschen Mitmenschen in Polen und in Deutschland.
Anders setzt sich Britta Wuttke, ebenfalls als Deutsche in Polen aufgewachsen, mit ihrer bikulturellen Existenz auseinander. Seit 1981 in Berlin lebend, ist für sie die Zweisprachigkeit schon immer eine positive Herausforderung gewesen. Wenn sie das Wort "wir" in ihren Texten verwendet, meint sie die Summe der Deutschen und Polen. Ihre Lust an der Verwendung zweier Sprachen zeigt sich in dem Spielen mit den beiden Muttersprachen, wenn sie mit Worten, Ausdrucken und Bildern jongliert.


Britta Wuttke
...und wie alles der Mensch einem rufe, als einem lebenden Wesen, das sei sein Name

Natürlich ist es nichts für mich, es betrifft nämlich die Erwachsenen, aber mitbekommen habe ich es natürlich. "Dennoch!", höre ich Mama in mir. Also noch einmal. Noch ein Mahl? Wie schreibt man das eigentlich? Egal. Egal? Später... Also: Natürlich ist es nichts für mich, aber mitgekriegt habe ich es dennoch. Ja: Denn der Krieg ist noch nicht lange zu Ende und somit nicht zu Ende. FEIND HÖRT MIT ist an der Bank, auf der unser Geld liegt, noch lesbar. Die Bank ist weg!, das Geld ist futsch!, hüpfe ich den Weg, den Trampelpfad an den Ruinen entlang: Unsere sind weg, weg, weg!, und Vati haben die Rußkis von der Straße zapp-zerr-rapp!, - uuund: Hops!!!
Ob sie Vati wohl unseren - meinen! - kleinen Wecker gelassen haben? Sicherheitshalber - halber?, ganzer? - trug er ihn stets bei sich. Na ja: Vielleicht. Es sind ja auch keine Unmenschen, die Russen. Wie auch wir, die Deutschen, keine Unmenschen sind. Natürlich: - Hops! Deutsche, meinte Mama das letzte Weck-Glas mit Birnen öffnend, sollte man heutzutage lieber nicht sagen, denn wer weiß... Heutzutage!, hihi, sind die Heutes zu etwas oder zu?, verschlossen, meine ich, - verschlissen!, hihi! Und hat das Heute was mit Haut?, sich häuten zum Beispiel?, sollte ich natürlich wieder den Mund halten und artig sein; nein, Mama haut mich nicht. Ja, denn in dieser furchtbaren Zeit müsse ich außerdem blitzschnell erwachsen werden, hatte Mama das Weck-Glas endlich auf. Und geplempert natürlich - "Hör bitte mit deinem ewigen Natürlich auf, bitte!, hast du gehört?, - hier!, du kannst das hier wegwischen vom Tisch, hörst du?!" Deutschland, Deutsche, sind Niemcy. Niemy ist ein Mensch, der nicht sprechen kann; will?, mag?, darf? Ein niemy ist ein Stummer. Niemcy heißen Stummerlinge?! Stiemer, Stimmer, Stammer - hopp! Was hat stumm mit Stamm? - hopp!
Wer weiß was dahinter ist? Und wo ist es? Und weil ich sie - Oma, Mama, Tante Meta und Tante Anre - immer und immer fragte, warum ich es denn nicht sehen könne was dahinter ist, schrieb Mama an Onkel Rolf. Ja. Und Onkel Rolf, immerhin ist er ja ein guter Arzt, schickte aus Berlin Vitamin A. Auf Umwegen kam es an - Tante Ediths Werk. Tja, aber geholfen hat mir das auch nix. Leider. (...)
Und wie sind wir?, wir Deutschen?, hm? Denn ich muß unbedingt eine Deutsche werden, hat Mama gesagt, weil ich eine Deutsche bin, sagt sie: ein deutsches Kind. So ist es nun mal - Punkt. Und deswegen darf ich auch nicht mit Felek spielen, denn er ist dreckig und eine Rotznase hat er auch - "ein Polenbengel, und das ist nichts für dich, mein Kind, du bist doch etwas besseres, oder?, bist du denn etwa nicht mein Kind?, - schau sie dir hier doch alle an, und diese ganze polnische Wirtschaft überall, die müßten erstmal eine ordentliche, eine deutsche Regierung bekommen, die ihnen sagt was und wie man es zu machen habe, das ist es nämlich, mein Kind, mein liebes Kind, die können sich doch gar nicht regieren, geschweige denn wissen was richtig ist, das weiß doch jeder, da muß erst ein richtiger deutscher Mann her, ja, - nicht so einer wie Vati einer war", - Vati ist bei den Russen!!!, - "eben!, und da siehst du es mal wieder: Immer wenn man den ollen Kerl mal brauchen könnte, dann ist er natürlich nicht da!, - denn du, mein liebes Kind, brauchst eine starke männliche Hand, sonst wird aus dir nichts, - schade!, wo du doch so begabt bist!, das hat auch Frau Wiehmann gesagt, nur deswegen quält sie sich mit dir in den Klavierstunden ab, mein Kind. Mein liebes Kind, gehorch geschwind!, - ja: Zucht und Ordnung brauchst du!, hast du gehört?..."
Hm, - und warum sagt die kolejka, polnisch die Schlange, und das kannst du vor jeder Ladentür hören, so sei es nach jedem Kriege, - warum? Das sei normal, sagt die Schlange. Nach jedem Aufstand oder Krieg, sagt sie, seien die Männer futsch. Und die Frauen ziehen die Kinder groß, und diese Jünglinge zeugen dann wieder Kinder - warum zeugen?, bezeugen?! - und kommen dann als Männer um, ziehen die Frauen wieder die Kinder groß, - wider?!, - stets in die Runde gehts, meinte pani Krysia, die dicke, das sei das Rad der Geschichte, - hm...
Und wie sind wir?, hopse ich an Grapes vorbei. Kaufhaus Grape. Die Trümmer sind weg, die Ziegelsteine in Warschau, - schön der Wind! Duftet nach Meer. Als wäre sie hier, die See. Hier auf dem leeren Platz. Huiit! - tanzt du mit mir?, - rumm!, rummrumm!, Bienchen summ herum; Mamas Lieblingslied. Mama sagt, die Polen haben Schuld am Krieg. Am vorigen die Serben und Österreicher: "Nur weil wir in deutscher Treue zu unserem Wort standen, mein Kind". Ganz schummerig wird einem im Kopf von diesem Tanz. Andersrum! Der Ort sagt, jede Schlange weiß es: Die Deutschen sind schuld. Wir - ich. Aber du doch nicht!, lachten die Schlangenfrauen. Alle Gesichter der Schlange. Und dann schüttelte die Schlange alle ihre Köpfe: Und auch nicht deine Oma, oder Mama, oder Tanten. Sicher?!, fragte ich: Ganz sicher?! (...)
Ooo! - alles dreht sich! Ich bin blau, hihi! "Nein!", wurde Mama ganz böse als ich ihr das erzählte. "Nein und nochmals: Nein! Hitler - aber bitte erwähne den Namen nicht, das ist jetzt verboten - Hitler wollte nur unser Bestes. Was waren wir denn ohne ihn - die Inflation! Und die Schuld tragen einzig und allein diese hier, die Polen sind schuld, merke dir das!, das wollen sie nur nicht wahrhaben, das ist es nämlich" - ganz sicher ist Mama sich. Das weiß Mama, wenn sie auch sonst von alledem nichts gewußt hat. Aber wußte sie denn, daß sie es nicht weiß? Wenn ich etwas nicht weiß, dann weiß ich nicht, daß ich das nicht weiß - verstehst du?, liebes Meer, lieber Gott?! Aber über DAS darf ich nicht mal piep sagen. DAS ist so geheim, daß ich wohl - warum "wohl"? - tot wäre, wenn... Oder Mama würde tot umfallen; für immer. Nein, mit meinem Dickkopf bringe ich sie nur ins Grab, das ist was anderes. Und das Blasenleiden macht sie nur krank, wie ich mit meinem Gequatsche. Ja, das Blasenleiden hat sie, weil ich auf die Welt wollte, deswegen. Und wenn ich ein Kind bekomme, kann mir das auch passieren. Frauen müssen immer leiden. Wie bitte? - klar! Klar wollte ich auf die Welt. Danke, lieber Gott! Hops!, - "übrigens ist das" - DAS? - "sowieso alles nur gelogen, und fertig, denn der olle Krieg ist an allem schuld, weil er ausgebrochen ist, und das haben die Polen gemacht, natürlich, denn warum wollten sie, die ollen Pollacken, auch nicht einsehen, was das Beste für sie ist, - wie es die Österreicher und Tschechen taten, was ja nur zu ihren Gunsten spricht - dann, später, können sie ja auch machen was sie wollen, wenn sie gelernt haben, - die Tschechen sind aber auch anders, kultivierter, die mag ich sogar, die haben nämlich von Österreich eine Menge gelernt, und die Österreicher sind auch halbe Deutsche, mein Kind, - nur immer diese Pollacken mit ihrem ewigen Nein, weil sie denken, sie seien etwas Besseres, sie und ihre Mischpoke, der wir erst einmal Kultur gebracht haben, - aber du hast das ja nicht erlebt!, du warst damals ja nicht in Westpreußen gewesen!, da kannst du ja gar nicht mitreden, mein Kind, niemals wirst du etwas darüber wissen, denn die Zeiten sind vorbei, und ihr könnt nur von uns hören wie es wirklich war, deswegen höre gut zu!, hast du gehört?..."
(...)"Misdroy war so schön gewesen, und jetzt?, wie das hier alles aussieht!, unsereiner wagt nicht mal mehr einen Hut aufzusetzten!, - dieser olle Schal um den Kopf!, als würde man sich den Kopf zusammenpressen, daß er einem nicht platze!, - und dieser olle Knoten über der Stirn, wie ich den hasse!, - dieses Pollackenpack!, diese Banausen!, lauter Kruppzeug!, und das: Das haben sie mit uns gemacht!, und Das merke dir gut!, vergiß das nie, mein liebes Kind, - und wenn sie dir hier zehnmal was anderes eintrichtern, weil sie dich vergiften wollen, mein armes Kind, so ist das alles gelogen, alles!, glaube mir, ich weiß es besser, und du - du mußt ein deutsches Kind bleiben, eine saubere, anständige deutsche Frau werden, hast du gehört?!, - deutsche Frauenehre, das ist es nämlich" - ich weiß!, entwinde ich mich: Annemarie schläft mit einem Polen, was ich natürlich nicht wissen darf!, aber auch die beiden Töchter von dem, na du weißt schon!, - hihi!, und ihre Tücher tragen sie auch unter dem Kinn geknotet!, wie die Polinnen, hihi... (...)
Und da sitzen sie jetzt, - wie Häschen in der Grube. Sitzen und reden. Und ich störe nur. Hops! Klar weiß ich um was es geht. Es geht und sie sitzen, hihi!, es geht um sie rum, herum, heer-rumm, heer-rumm! Ja: Alles kriege ich mit. Klug - klag - klick!, gluck, gluck, sagt mein Klärchen, die Glucke. Ich denke, ich mußte raus, weil ich dafür bin - laß es klappen, lieber Gott! (...)
Tante Meta weiß Misdroy wäre mal Misdrogge oder Mißdrogge benannt gewesen. Droga ist polnisch Weg. Wage ihn?, wiege?, woge?, weige-rrrre dich? Droga jest droga - der Weg ist teuer, hihi! Ja: Das Miß- oder Mis- ist natürlich Mist. Dünger?! Ha: Er mißt den Mast in der Mast und vermißt, spiele ich mein Spiel, fliegt mein Ball im Dwa-ognie-Spiel, zwei Feuer, was Länderspiel heißt. Nicht abweichen vom Weg - denke an Rotkäppchen; Mamas Lieblingsmärchen! Ja: Und so gesehen wäre Mißdrogge einfach Mißwege. Und warum? Und darum: Weil Misdroy aus einem alten Krug erwuchs. Der Krug war am Wege. Hier - zwischen Wollin und der Swinemündung, erzählte Tante Meta; sie ist meine Patentante; Tante Met, mag sie ein Schnäppschen, o ja. Polnisch bedeutet meta Ziel, Endstation. Und bei den alten Griechen soll es auch eine Meta gegeben haben. Die war aber unfruchtbar. All dies, lacht Tante Meta, habe ihre Kinderlosigkeit ins Rollen gebracht. Und da kam ihr geplatzter Blinddarm dazu, lacht sie, und da hatte das Orakel sein drittes Standbein, hihi... Ja, mein lieber Wolf, - und dieser Weg, der zwischen Wollin und dem Meer, war hier am alten Krug, totaler Mist! Ständig versandet, auf daß die Räder steckenbleiben und die Achsen brachen. Schööön!, freuten sich die Räuber. So war´s. Es war einmal eine Wanderdüne, der legte man einen Weg in den Weg, - und der Wind, der Wind, das himmlische Kind, vermählte sie, und so kamen die Räuber und der Krug auf die Welt, an sehr berüchtigter Stelle. Und wartete man im Kruge das Wetter ab, denn nur das konnte man tun, so sah man ihn rieseln, den Wind. Rieselte, rieselte er den Sand durch den Schornstein des Kruges in den über dem Feuer hängenden großen Topf, - und der garte; gar ist polnisch Topf. Mann-o-Mann, knirschte das zwischen den Zähnen!!!, oh bracie, Bruder,- Tropf!
(...) Ha! - in Ordnung, hat sich eingeleiert; eingeeiert, hihi, hingekriegt. "Und wenn das so weiter geht", meint Mama, "dann nehmen sie uns nicht nur die Namen, sondern auch noch das Haus" - nein! Bitte nein, Lieber Gott: mein Zuhause! "Oh ja, wenn nicht heute, dann morgen, irgendwann, die warten, lauern doch nur darauf!, und warten könne die, wenns nötig, diese Halunken!, und dann ist unsere "Eintracht", unsere schöne "Concordia", auch weg, - und hoffentlich ersticken sie dann endlich!, - wenn das passiert, mein Kind, dann verfluche ich sie!, da kannst du sicher sein. Das werden sie bereuen. Es ist das Einzige was uns von unserer Arbeit geblieben ist. Unsere Lebensarbeit, unser Lebensinhalt ist das. Und wenn sie auch nichts zu bereuen haben - das werden sie!" Bitte, Lieber Gott, bitte, laß die Leute hier nicht so sein - ja? Oma sagt, die Geschichte wiederhole alles in die Runde. Gib Mama nicht Recht, lieber Gott. Und auch uns - bitte laß uns nicht so sein wie alle sagen - ja? Iiich beete an, diiie Maaacht der Liebe, diiie sich in Jeeesuuum oooffenbart...
Ja: In unserem Namen ist Wut verborgen. Polnisch äußert sich dies als Schnaps. Ha! - logisch, daß man dann blau ist, hihi! "Blauäugig, bist du, mein Kind, und das ist es, du wirst schon sehen, was die Pollacken noch mit dir machen werden!, das ist es nämlich, die werden es dich noch selbst lehren!" Aber Du wirst mich alles verstehen lassen - nicht wahr lieber Gott?, bitte! Danke, daß es Dich gibt. Danke - denke!, hihi! Du möchtest Clementi hören? Bist Du sicher?
(...) Wir sind ein Dorn im Auge, das ist es, sagt Mama. Die Paraphrase von Tante Meta könnte Górecki sein: Marta Górecka. Gohritz - góra heißt Berg. Wo der Wolf in Tante Anre steckt weiß kein Mensch, Wilke heißt sie. Und wilk ist Wolf. Ob er sie von innen frißt?, der Wolf? Ja: Und alle werden wir jetzt zu Góreckis werden. Endlich verlieren wir unsere Andersartigkeit. Ob wir sie los sein werden? Der Ob ist ein Fluß. Wie die Oder, - Odra. Ha! - und odra bedeutet Masern - ha! Und es plätschert das Ob und das Oder und alles sind nur Kinderkrankheiten, die ansteckend sind, hihi!, und weiter nichts, fließt es so hin?, so vor sich her? Ja, ich habe genug von der Andersartigkeit.
Mir will man - wer?! - auch den Vornamen ändern. "Sich" heißt polnisch dieses "man". "Es, das tut sich nicht" ist "das tut man nicht" - ha. Was ist denn das für ein Name? Und wie verkleinert man den? Ist das Brigitte? Und wann hast du Namenstag? So eine Heilige gibt es doch gar nicht!... Ich werde Krystyna werden, Christine. Habe ich mir selbst ausgesucht. Krystyna Górecka - das klingt. "Górecka an die Tafel!" - ha! "Jaja", sagte Mama, "Namenswechsel sind Frauenlos, so sind sie nun mal die Kerle, wo die regieren, und das tun sie überall in der Welt, muß man als Frau seine Persönlichkeit verlieren, jaja, und das kannst du ja schon mal für später üben, mein Kind, mein armes" - warum bin ich arm? Die Welt ist doch schön überall!, wirklich!, natürlich; - Tür gemäß?, Tor und Thor?, Tor ist brama... "Namenlos bist du tot", sagt Mama, "dann weißt du nicht mehr wer du bist". Wissen Steine, Blumen, Tiere wer sie sind?... "Ach du Dummerchen du mein liebes, du mein Lämmchen du..."
Und dann ging alles ganz schnell. (...) Ulica Traugutta ist Traugutt-Straße, fahren wir nach Swinemünde, das Swinoujscie ist. Oma mit ihrem Stock, Mama, beide Tanten und ich, stehen wir auf dem Bahnsteig. In Swinemünde bin ich geboren. Eine Minute nach Zwölf. Und werde jetzt wiedergeboren? "Sowas soll's geben", hat Mama gehört. "Aber das ist natürlich Quatsch!", weiß Mama. Da kommt er! - hören wir den Zug aus Warnow die Düne herabpfeifen. Ich muß beten, steckt meine Herz-Hand in der Manteltasche. Mitsamt meinem Schatz: einem kleinen Stein, einem klitzekleinen Zweiglein vom Lebensbaum, meinem Zettel. Den Stein suche ich gerade, also geheimwegs, zu entzaubern und deswegen muß ich ihn wärmen. Der Lebensbaum schützt mich vorm Versteinern, denn Zaubern ist gefährlich, weißt du?... Der Zettel? - oh!, der ist noch geheim!
Und dann - ja: Blitzschnell lief alles ab. Auf der Fähre sagte Mama nur: "Na dann!, und wenn es denn zu unserem Besten ist!?", hatte sie nur noch Angst, daß mit der Fähre was passiert und hielt mich ganz fest. Vor dem Landratsamt fragte sie mich, ob ich mich nicht doch auf Brigitte einlassen wolle, dann wäre doch zumindest der Stamm gerettet. Es wäre wie Tante Metas Einkaufstasche: Wachstuch, welches Leder vortäuscht. Mama nickte, liebe Mama, und Tante Meta sagte: "Ja, Pätchen". Und dann waren wir drinnen. Hoffentlich klappt es, betete ich.
"In Gottes Namen", klopfte Oma mit dem Stock an die Tür; kennen wir seinen Namen? Und da saß er - Luzifer? Der Drache?! Saß in einem großen Zimmer hinter einem sehr großen Schreibtisch. Als ein älterer Mann. Ein Herr. Nett sieht er aus, dachte ich. Aufstehend lächelte er uns entgegen. "Bitte", wies er auf die Stühle, "setzen Sie sich, die Damen". Panie, also eigentlich Herrinnen, denn pan ist Herr. Ha!, machte ich einen Luftsprung in mir: Ich bin auch eine Dame: Eine Herrin! Dziekuje, nahmen wir Platz, setzte auch er sich wieder hin. Umständlich nestelte er an der kleinen Schleife der braunen Papp-Mappe, die vor ihm lag. Dort drinnen sind also die neuen, einwandfreien, ein-Mauer-freien wir - dachte ich. Jetzt?, ob ich ihm jetzt meinen Zettel gebe? Das stört doch nicht, beim Lesen kann er ja weiter aufknubbeln, oder? Das Band ist weiß, - ein weißer Knoten, - ein Wegweiser?, ein Weiser!, 'ne Waise auf alte Weise?, hihi! Mama ahnt immer Schlimmes, ein Weltende, wenn ich mich in erwachsene Situationen, Lagen?, hineinmogele. Also gar nicht hinsehen zu ihr. Schnurstracks ist das Beste - so! Meinen vielfach zusammengefalteten Zettel aus der Tasche ziehend ging ich zum Schreibtisch. Bitte, entfaltete ich meinen Zettel Mamas erstarrten Blick im Nacken und Mamas Gedankenhand am Schlawittchen fühlend, - bitte schreiben sie mir neben diese Namen wie diese Menschen jetzt heißen werden, gut? Sonst vergesse ich es, wenn sie es nur sagen. Und dann bekomme ich ein Ungenügend, eine Zwei, in der Schule, wenn - wenn ich die Leute durcheinanderbringe - ja?
Schweigend las er: "Jagiello, Traugutt, Staff", kleiner Abstand, glitten seine Augen: "Lenin, Stalin, ist das russisch?" Ich möchte keine Zwei, wiederholte ich. Er lächelte. Lustig?, belustigt? Warum? Bin ich wieder naiv, anstatt zu erwachsen?, raste es in mir; Rasen, Wiese, herumwieseln - auch das ist eine Familie!, Gras gräßlich groß...
"Gleich, Kleines", sagte der Mann in die unendliche Stille, in die Mamas Gedanken - Seele? - intensiv stumm meinen Namen riefen, daß ich sie beinahe - Bein-nahe? - brüllen hörte. "Gleich", breitete er die Akten auf der Schreibtischplatte aus. Blätterte - tja...
Tja, und da erwies es sich, daß in unseren neuen Papieren ein überaus wichtiger Stempel fehle. (...) "Wahrscheinlich", stand der Mann auf, "hat meine Sekretärin das vergessen", kam er um den hohen Schreibtisch herum, bat uns um Verzeihung und legte seinen Arm um mich: "Möchtest du meine Freundin sein?" Ich weiß nicht, suchte ich Mama in mir zum Schweigen zu bringen, denn was heißt "ja", wenn ich es nicht weiß?, atmete ich ihn: Er riecht rein: nicht Seife oder Dufte - er ist es, er selbst. Ich denke, ich denke ja, sah ich hoch, ihn an, - ist das eine große Warze! Mich kurz an sich drückend sagte er: "Leider werden die Damen" - ha!, wieder bin ich eine Dame! - "sich nochmals herbemühen müssen". Schade, durchfuhr es mich, kann ich meine Hefte immer noch nicht mit "Krystyna Maria Górecka" beschriften, hatte mich schon darauf gefreut, wie alles neu sein würde, wie Würde? - obgleich, ja: Aber ich bin doch mein Name!, wirklich!, war in diesem "Schade" auch eine Erleichterung; warum?
"Bitte verzeihen sie meine Tochter", lächelte Mama, standen sie alle vier; Oma beidhändig auf ihrem Stock aufgestützt. "Meine Tochter macht immer solche Schwierigkeiten", lächelte Mama weiter, hatte sie ihre polnischen Brocken zusammengesucht und herausgequetscht; arme Mama. Arme liebe Mama. Hustete Mama, klebte ihre Zunge, war sie heiser; "Ich habe es immer gleich im Halse".
"Ich gratuliere Ihnen zu der Kleinen", sagte der Mann. Verstehe ich nicht. Warum? Ob er von meinen Sehrguts, meinen fünfen weiß, sagten wir do widzenia, bis zum Wiedersehen?... Nein, ein nächstes Mal gab es nicht. (...)