Jan Böttcher
für lotte in anteilnahme
…im schlimmsten fall verdienen wir unser geld mit verkehrszählung, stemmen dem morgendlichen abschied von einem privaten partner die tausend möglichkeiten einer ankunft entgegen, die aus den gestalten hinter den windschutzscheiben spricht. einer beliebigen landstraße beigeordnet, stellt sich als einzige sicherheit dar, daß jedes dieser fremden gesichter hundertprozentig zum nicht sichtbaren unterleib paßt, eine aus wohngegenden übertragene erfahrung. wäre nicht die entgegenkommende spur, wir würden uns einem völlig antiquierten zeitbegriff hingeben, einem linearen, in dem womöglich unsere bleistiftstriche eine bestimmbare gegenwart zu fassen bekämen. zumeist ist die müdigkeit unserer ganzen einsatzgruppe so groß, daß wir bereits zur zeugenschaft der striche verkommen sind, bevor die erste sonne aufs papier fällt. die eigene hand wird fremder als alles vorbeirauschende personal. auch das nur eine erfahrung. also sind wir nichts als bedienende eines fortrückenden zählwerks, das seine abstraktion in graphischen darstellungen potenziert. in gang- und zusammengehalten von stundenlohn & korrekter ausrichtung (stadteinwärts), lernen wir absonderheiten an einzelnen karosserien schätzen, geborstene scheiben oder hunde auf dem rücksitz. in glücklichen momenten addiert sich eine lkw-aufschrift mit der funkwerbung in unserem dienstauto, und wir entwickeln ein gefühl von stolz, den bleistiftstrich trotz hereinbrechender komik nicht vergessen zu haben. wir denken an freunde und deren fähigkeit, miteinander pferde zu stehlen und sie danach kotzen gesehen zu haben, das kann bewirken, sich von der straße zu lösen, und so fliegen wir sekundenlang über land. einer meiner kollegen hat ein schwaches herz & ego und wird nicht müde zu betonen, daß man den wahrnehmungsspieß für sich umdrehen muß: demnach seien wir es, die stündlich eintausendeinhundert mal und mehr mit strichen bedacht würden. allein darauf eine existenz zu gründen oder gar identität, fällt uns mehrheitlich schwer, obwohl jeder jeden blickkontakt mit den dahinziehenden als beachtung verbucht; des öfteren werden zwei weibliche augen noch stunden später zum pausengespräch. jede frau am steuer rührt an uns und schürt in uns die fiktion eines photographischen gedächtnisses. es kam vor, daß sich menschen abrupt in uns verlieben, auf der standspur einlenkten, ausstiegen und auf uns zurückblickten, doch gehört es zum job, solche verehrung zu ignorieren. sie kommt ja auch aus einer zukunft herübergeweht, die uns nichts sagen und also nichts bedeuten kann, denn rechts von uns - so sagt es auch der vertrag - kann nur der feierabend sein, was die halsmuskeln bestätigen, wenn wir uns dagegen auflehnen. verkehrszählung spielt sich von links bis zur mitte ab, wie es der lehrer unseres theoretischen blockseminars sagte. seit er aus erfahrung zur symbolik des strichs sprach, ist nicht nur das abhaken verpönt, sondern alles gezogene ist schlußstrich, eine vertikale wand aus blei, hinter der unser interesse zu verlöschen hat. wir führen jetzt intensive diskussionen, ob uns ein leben bis zur mitte genügt, und da sich jeder erfahrung die passende sehnsucht nach unerfahrenem entgegenstemmt, halten wir uns in stetiger schwebe, ohne daß der blick dabei verschwimmt, die augen also offen & auf die fahrbahn hinaus, die manchmal (in stunden der erfahrung) ein bild hergibt für den potentiellen arbeitsmarkt und weitere eintausendeinhundert möglichkeiten, von denen wir die schlimmste wählten, um geld zu verdienen...