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Tadeusz Konwicki

BERLIN


"Kalendarz i klepsydra", Warszawa 1976
Übersetzt von Ewa Maria Slaska und Martin Ryzinski


... es kam einfach eine Einladung von einem deutschen Kulturverein, nach Westberlin für sechs Monate und... Nichts. Keine Verpflichtungen, keinerlei Versprechen von mir. Einfach dort wohnen und mein Buch schreiben.
Ich habe mich sofort erinnert, daß es Gombrowicz war, der sich als erster von uns nach Berlin mit diesem Stipendium aufgemacht hatte. In seinem Tagebuch kann man einiges dazu lesen. Ein paar Seitenhiebe, nicht wenig Sarkastisches, aber auch viele herrliche Beobachtungen und überraschende Pointen. Vielleicht wäre es nicht schlecht dort mal vorbeizuschauen, all diese Orte, die er, dieser Elefant der Egozentrik mit seinen Füßen betrat, zu beschnuppern, ein bißchen im internationalen Chor der Nostalgiker zu nostalgiesieren, einmal zu dem langweiligen Berliner Mond aufzuheulen und gleich weiter rennen, der unbekannten Zukunft entgegen, und rennen und galoppieren und in den Abgrund der Zukunft zu laufen heißt für mich, nach Hause zurückzukehren und mich in meiner Nische hinlegen, die gleichzeitig Einsiedelei eines Anachoreten und Hölle eines Gebirgskönigs, interstellarer Weltraum und Ufer des Flüßchens Wilia, Wolke, die auf dem Himmel schwebt und gewöhnliche Bahre ist.

Meine tollen Horoskope wollen irgendwie nicht in Erfüllung gehen. Fürs erste zumindest. Das heißt, zuerst einmal bekam ich keinen Paß, was wiederum heißt, ich fahre nicht nach Westberlin. Offensichtlich so wollte es das Schicksal. Und mein Schicksal hütet mich sorgfältig vor gefährlichen Versuchungen. Ist auch gut so. Es gibt nichts Schlimmes, was sich nicht doch zum Guten wendet.
Wozu soll ich irgendwelche fremden Städte besuchen? Wozu soll ich mich unter fremden Leuten langweilen, und wehmütig die Tage bis zur Heimkehr zählen? Wozu mich mit Unbekannten einlassen, die mich durch ein unvorsichtiges Wort verletzen können, oder schlimmer noch: Sich denken, ich hätte kein Zuhause und sei auf Betteltour?
Also ist das an sich alles gut so gekommen. Alle Gefühle, die mit der Reise zu tun haben habe ich durchlitten und doch brauche ich nicht zu fahren. Alle erhabenen Erlebnisse des Weltenbummlers wurden bereits meine Erfahrung, und ich muß mich nicht einmal physisch anstrengen. Alles zu meinen Gunsten, nichts ist verloren.
Ich kann doch in meinem eigenen Haus, in meiner gemütlichen, sicheren Nische, in die ich ohne weiteres mit eingeknickten Beinen hineinpasse, hunderte herrliche Reisen auf dem zauberhaften Teppich meiner Phantasie absolvieren. Also auch diesen Aufenthalt in irgendeinem Berlin, an dem mir nie sonderlich lag, werde ich mit ganzer Deutlichkeit und Intensität mittels geschickter Phantasie abhacken, und der wohlgesonnene Leser wird dabei keinen Schaden erleiden. Ich werde nichts verlieren und mein Komplize auch nicht.
Bereits jetzt könnte ich mir eine stimmungsvolle Beschreibung meines ersten Spaziergangs auf dem Ku-damm leisten. Wie ich entfremdet mitten unter hektischer Bewegung fremdspra-chiger Masse auf dem fremden Trottoir flaniere, wie die zügellosen Werbesprüche blinzeln und mich zu etwas locken, was mir fremd und gleichgültig ist, wie mich plötzlich inmitten einer unbekannten Stadt eine Erinnerung an die ferne Kindheit befällt und diese Erinnerung mit dem Luxus der Fremdheit zusammengestellt, zart unbestimmte, flüchtige Rührungen meiner Seele und meiner unbestechlichen Ideologie, meiner ins Staunen geratenen Sensibilität und meines nonkonformistischen Charakters zeichnet. So könnte ich euch jetzt schon zu den attraktiven Boulevards der Exotik hinführen, es hat aber keinen Sinn, zu Hause ist doch schöner und besser.

Also fliegen wir nach Berlin. Am Flughafen Okecie treffe ich als erste Ewa Zietek, die unver-geßliche Braut in "Die Hochzeit" von Wajda. Ein so um die zwei Meter großes, recht fülliges Mädchen. Sie wartet auf mich ziemlich aufgeregt, da ich in meiner Tasche ihr Bargeld und ihre Flugkarte habe. Bei der Zollkontrolle huschen flüchtig weitere Mitglieder unserer Delegation vorbei, der Direktor der Filmproduktion in Lódz, Wiktor Budzynski sowie Wlodek Haupe, mein Kollege in unserem Filmteam. Wir vereinigen uns mit ihnen auf den Polstersitzen des Transitraums. Es stellt sich heraus, in zwei Tagen würden noch Slawek Voit und Olbrychski zu uns schließen. Über das Ganze wird Wiktor Regie führen und, wie es sich später herausstellen sollte, wird er das besonders charmant und elegant tun.
Wir sind also eine offizielle Filmdelegation, die sich auf die Reise in eine Volksdemokratie begibt. Man weiß wenigstens, worum es geht.
Wir schießen aus der Startbahn in den Himmel hinauf, eingepresst in die Wachstuchsessel des Jets TU-134. Nach einem entspannten, eleganten Flug, mit Abendessen als Abwechslung, setzen wir uns auf dem Flughafen Schönefeld in Berlin. Wir werden von einer relativ großen Gruppe anonymer Gastgeber begrüßt, für die wir anonyme Gäste sind. Die bequemste, absolut problemlose Situation. Solide Blumen, solide flüchtige Gespräche, solide Fahrt zum Hotel, solides Abendbrot, solide Manuskripte mit dem obligatorischen Programm unseres Aufenthalts. Zum Schluß solide Gutenachtwünsche.
Ich fahre mit einem merkwürdigen Aufzug in mein Zimmer im Hotel Stadt Berlin. Der Aufzug ist soweit merkwürdig, daß er schon quasi amerikanisch, schnell, elektronisch ist, dabei aber ein paar gewisse Tücke aufweist. Er fährt ungezähmt, unberechenbar und keiner ist in der Lage, vorherzusehen, ob er nun auf- oder abwärts startet oder vielleicht mal für eine längere Zeit im plötzlichen Nickerchen erstarrt. Alle Insassen haben Angst in den Augen. Ein paar Mexikaner bekreuzigen sich verstohlen. Später dann betrachte ich von meinem 31 Stock diese supermoderne Agora, die einmal der Alexanderplatz war. Auf den alten Stadtplan des alten Berlins pfropfte man eine moderne City auf. Ein Wirrwarr von Plätzen, Grünanlagen, Blumenbeten, über- und unterirdischen Übergängen, sich schlingenden Fahrbahnen, die nach einem Ausweg aus der Moderne suchen und wüstenähnlichen Schnellstraßen. Das sieht imponierend aus. Und es hat nichts anderes zum Ziel als: sich bestaunen zu lassen und zu imponieren.

Sanssouci. Schwermütige deutsche Sorglosigkeit. Sorglosigkeit der preußischen Könige, der räuberischen, habgierigen, geizhalsigen, voller Minderheitskomplexe Neureichen. Das alte Schloß geht noch. Es paßt noch in den Maßstab des Menschen. Eines knauserigen, mit künstlerischen Snobismen beladenen und bis in die letzen Knochen heimtückischen. Unter Glas liegt seine Flöte, aber bestimmt nicht seine eigene, weil sie viel zu neu ist. Es sei denn, er spielte sie aus Sparsamkeit ganz selten. Das Appartement von Voltaire, unterwürfig auf Hochglanz gebracht, was den alten, schlauen aber naiven Philosophen zu häufigen Besuchen verleiten sollte. Aber Voltaire ließ sich dort nicht mehr blicken. Er genoß nicht mehr die Wohnung in dieser zu seiner Ehre weich ausgepolsterten panegyrischen Pralinenschachtel.
Ein heruntergekommenes Objekt, obwohl voller irgendwelcher Wächter, Türsteher und Hauswärte, die die Besucher stets in harschem Ton rügen und belehren. Offensichtlich ist das ein schwieriges Erbe. Schwierig im ideologischen Sinn und im politischen recht undurchsichtig. So steht das Schloß zwar da, aber irgendwie veängstigt und demütig. Es dauert weiter in seiner selbstverleugnerischen Verlegenheit.
Danach geht es ins Neue Palais, ein Produkt des Hochmuts und der Minderwertigkeitskomplexe der Hohenzollern. Hier hat man sich nichts abgespart. Eine riesengroße Pyramide von Nachahmung, Surrogat und schlechtem Geschmack. Kein Vergleich mit dem polnischen Adel, mit den Radziwills, den Zamoyskis oder den Potockis. Ein kurzlebiges Kaiserreich, das nichts zurückgelassen hat. Vielleicht hat es nur den Boden für den Superstar des 20. Jahrhunderts, für diese erbärmliche Zwitterbildung, den größten Vielschreiber unserer Zeit, Adolf Hitler vorbereitet.

Montag Abend, der Empfang in unserer Botschaft. Zuerst geht es noch ein bißchen steif, offiziell zu, dann aber voll aufgedreht und das auf der Grundbasis von Borschtsch und Bigos. Die Botschaft freut sich, sie umschmeichelt uns. Sie sind stolz, zu den Tagen des Polnischen Films eine repräsentative Vertretung hierher eingeflogen zu haben. Kaum jemand will das anerkennen, so versuchen sie es mit unserer Anwesenheit anzugeben. Ich stoße mit meinem Glas mit verschiedenen Damen und verschiedenen Herren an. Nur Gesprächsthemen gibt es kaum. Ich versuche etwas zu sagen, was die Stimmung auflockern könnte. Also dann, "zum Wohl", "na zdrowie". Langsam entschwebe ich in das ferne Land meiner verstorbenen Litauischen Vorahnen. Schon erblinden meine Augen, schon fühle ich nichts mehr, schon hört mein Puls auf zu schlagen. Kurz vor dem Exitus schleppt jemand aus Edelmut meinen Kadaver aus den Salons der Botschaft.
Wir vertreten hier die Macht unseres Films und unserer polnischen Filmschule, die seinerzeit die Welt in die Knie zwang. Morgen werden wir im Namen von Wajda seine "Hochzeit" das heißt "Wesele" zeigen, später werden wir im Namen von Frau Kaniewska "Den Ring von Königin Anna", im Namen von Passendorfer "Tötet das schwarze Schaf" und im Namen von Herren Halor und Gebski "Die Sittenbeschreibung" zeigen. Ein Zufall will es, daß keiner von uns keinen von diesen Filmen, außer "Hochzeit", gesehen hat.
Wir werden es ihnen zeigen, wenn ich es überlebe.

Ich überlebte es doch. Um 11.00 tauchen wir bei der Pressekonferenz auf. An den Tischen mit Butterbroten sitzen so an die fünfzehn Journalisten. Vor einem Augenblick haben sie sich unsere "Hochzeit" angeschaut. Die Gastgeber, angenehm angeregt, flüstern uns ins Ohr, der Zulauf sei enorm, und betrachten glücklichen Auges das schweigende Häufchen Journalisten.
Es beginnt schleppend ein Gespräch. Wajda ist hier nicht besonders gut bekannt noch verehrt. Keiner fragt nach etwas noch jemand. Einige murren höflich und emotionslos etwas über Unverständlichkeit von "Wesele". Dieser nichtverstehende Zuschauer wird als eine Erscheinung des höheren, besseren Rangs hingestellt. Dieser Zuschauer, der weder "Wesele" noch ein paar andere Dinge versteht, benimmt sich wie ein Weltmeister. Kühl, herablassend - er hätte sich gern unterhalten lassen, wünscht sich aber weder Voraussetzungen noch Bedingungen. Dieser Zuschauer ähnelt für mich ein bißchen einem launenhaften Ungeheuer, einem überdimensionalen gargantuischen Baby, das leichtverdauliche Kost zu sich nimmt und Windeln beschmutzt. Hebammen verneigen sich mit allverzeihender Liebe über diesem Säugling von Homunkulus.
Nach der nicht zu aufregenden Diskussion verzehren wir genüßlich unser Mittagessen mit dem stellvertretenden Minister und begrüßen Olbrychski, der mit Maryla Rodowicz angekommen ist. Frau Rodowicz hebt den Rang unserer Delegation noch ein gutes Stück mehr. Sie ist tatsächlich wohl die einzige von unserem Parnas, die man hier kennt.
Gestärkt hinsichtlich unseres Prestiges begeben wir uns jetzt zu feierlicher Aufführung von "Wesele", als feierliche Eröffnung der Tage des Polnischen Films. Ein großes schönes Kino, polnische Plakate der Filme aus der DDR, DDR-Plakate der polnischen Streifen, Hoheitszeichen beider Staaten. Im Foyer einige ältere Damen und einige ältere Herren. Das eiserne Stammpublikum aller Vorträge, Konferenzen, Ausstellungen. Die verhängnisvolle Stunde der Erstaufführung rückt näher heran, und das Kino ist immer noch leer. Wir schauen verzweifelt auf unsere Gastgeber, sie aber zwinkern veschmitzt in unserer Richtung zurück.
Dann die Vorführung, empfangen mit Stille und Aufmerksamkeit, und zum Schluß sogar ziemlich rauschender Beifall. Gerade so viel, wie es paßt.
Jemand kommt, leicht aufgeregt auf mich zu. "Herr Konwicki, im Vorspann des Films gab es Ihren Namen. Eine Schauspielerin heißt Konwicka. Sind Sie mit ihr verwandt?" "Meine Tochter", erwidere ich nonchalant.
Es beginnt ein Geflüster, man zeigt auf mich mit dem Finger. Das hebt deutlich meine Stimmung. Endlich krieche ich aus der Anonymität heraus. In diesem Moment fält mein Blick auf ein Glaskästchen, in dem ein paar polnische Folklorenippes liegen und neben ihnen ein buntbebildertes Buch: Adam Bahdaj, "Der Pilot und ich", illustrierte Danuta Konwicka.
Ich rufe also meinen Gesprächspartner und zeige ihm das Büchlein. "Dieses Buch hat meine Frau illustriert".
Ich sehe zuerst einmal Mißtrauen in seinen Augen. Er betrachtet das Buch und läuft hinterher zu einem Grüppchen Zuschauer, die zu Ehren des polnischen Films am Sekt nippen.
Selbstverständlich läuft er, um die sensationelle Nachricht mit den anderen zu teilen.
Jetzt bin ich aber wirklich wer. Gönnerhaft derb begrüße ich Slawomir Voit, der mit ziemlich saurer Miene im leeren Kinosaal herumgeht.